Wohin mit dem schlechten Gewissen?

Immer wieder hören wir von anderen Pflegenden Angehörigen, dass sie das schlechte Gewissen plagt. Egal, wie deren Situation ist, ob Pflege zuhause, mit Pflegedienst, alleine oder ob Pflegeheim: Das schlechte Gewissen ist ein Dauerbegleiter. Wie kann man damit umgehen?

Aus eigener Erfahrung können wir sagen: Auch wenn man wirklich alles versucht, selber die Person zuhause pflegt, nach Unterhaltung und Fürsorge von außen sucht, Therapien und Medikamente zur Verbesserung des Zustandes sucht und findet: Gerade bei Demenz ist es nie genug und das schlechte Gewissen bleibt. Also müssen Pflegende Angehörige lernen, damit umzugehen.

Was ist das Gewissen überhaupt?

Das Gewissen ist etwas recht Merkwürdiges: Ein diffuses, schlechtes Gefühl. Kann man nicht messen, nicht sehen, nicht mal logisch erklären, aber es bestimmt viele unserer Entscheidungen. Oft zurecht! Wenn wir einen kleinen Straßenhund im Ausland retten, obwohl wir weiterfahren wollten. Wenn wir Geld spenden, statt es für eigene Vergnügen auszugeben. Es gibt vielerlei Situationen, wo sich das schlechte Gewissen meldet und zu Entscheidungen führt, die einfach richtig sind.

Wie meldet es sich? Es lässt einen meist nicht in Ruhe, kreisende Gedanken, man kann nicht abschalten, auch körperlich mit Unwohlgefühlen in Bauch und Kopf. Drückt man das Gefühl weg, wird es stärker.

Aber was ist das eigentlich? Wahrscheinlich ist das Gewissen weder nur Instinkt, noch nur Erziehung, sondern eine Mischung aus vielen Dingen. Es ist auch das Herz, das wir für andere haben. Der eine mehr, der andere weniger.

Empathische Menschen reagieren auf Leid, Hilflosigkeit und Verlust mit Mitgefühl und Pflichtgefühl. Gerade innerhalb von Familien herrscht eine starke Bindung: Wenn ein naher Mensch leidet, entsteht ganz natürlich der Wunsch zu helfen, zu schützen und da zu sein. Das fühlen auch Söhne und Töchter, die von ihren Eltern vernachlässigt oder sonstwie schlecht behandelt wurden. Auch sie können nicht einfach gehen, wenn die Eltern pflegebedürftig und hilflos werden. Auch sie plagt das schlechte Gewissen, selbst wenn sie Jahre auf Distanz gegangen sind oder wenn Vater oder Mutter so gut wie gar nicht da waren, es bleibt das Wissen „ist doch mein Vater/ meine Mutter„.

So richtig problematisch wird dieser Naturinstinkt dann, wenn das Leid des nahen Menschen einfach nicht mehr aufhört. Von der Natur aus meldet sich der Instinkt bei einer vorübergehenden Krankheit oder Verletzung: Man hilft eine Zeit lang, macht Krankenhausbesuche und dann ist wieder alles gut oder zumindest besser. Nicht so in der Pflege. Der pflegebedürftige Mensch baut weiter ab und der Zustand ist andauernd schlecht.

Dann kommen noch andere Faktoren hinzu: die hilflose Person ist oft nicht dankbar und zufrieden mit dem, was ihr gegeben wird. Es ist ein Fass ohne Boden. Die Angehörigen geben und investieren: Zeit, Nerven, Energie – aber es reicht nie und es bleibt das schlechte Gewissen und die ewige Frage, ob man mehr hätte tun können. Schuld daran ist aber nicht die pflegebedürftige Person! Und es macht auch keinen Sinn, jetzt in dieser Situation alte Konflikte zwischen Kindern und Eltern auszutragen und aufzurechnen, was alles gefehlt hat.

Das Gewissen wird auch geprägt

Als Kinder lernen Menschen, was als „gut“ gilt – wann Erwachsene enttäuscht sind und welche Erwartungen in der Familie herrschen. Das eigene, vielleicht zu sehr antrainierte Gewissen fühlt sich wie eine objektive Wahrheit an.

Menschen können sich schuldig fühlen, obwohl sie längst alles tun, was möglich ist. Das Gewissen unterscheidet nämlich nicht immer zwischen:
Ich habe wirklich etwas falsch gemacht“ und „Ich kann eine traurige Situation einfach nicht vollständig lösen.

Gerade in der Pflege verschwimmen diese Grenzen schnell. Denn viele Angehörige tragen unbewusst einen unmöglichen Wunsch in sich: dass die hilflose Person wieder zufriedener, gesund oder glücklicher wird.

Wenn das nicht gelingt, meldet sich das schlechte Gewissen – obwohl nicht mangelnder Einsatz das Problem ist, sondern die Krankheit, die altersbedingten Beschwerden.

Wohin also mit dem schlechten Gewissen?

Die Frage impliziert schon eine Antwort: Wohin? Es muss weg. Denn ja, zu viel davon ist nicht gut. Das schlechte Gewissen führt dazu, dass Pflegende sich überlasten, die Grenzen der eigenen Gesundheit überschreiten, in der Armutsfalle landen und sich allgemein selbst schaden. So, wie es sich die pflegebedürftige Person in gesundem, geistig wachen Zustand nie gewünscht hätte.

Das nagende Gefühl muss also weg. Aber wegdrücken lässt es sich nicht, dann meldet es sich immer wieder und wird noch stärker. Also muss man sich ihm stellen und analysieren: Wie viel tue ich, wie viel kann ich noch tun? Muss ich noch mehr tun?

Was machen die meisten Pflegenden Angehörigen ganz selbstverständlich, neben ihrem eigenen Leben und Pflichten:

  • Sie organisieren Termine, fahren und begleiten dorthin
  • kaufen ein, führen den Haushalt
  • organisieren und geben Medikamente
  • übernehmen Büroarbeiten, Anträge etc. für die Pflege
  • übernehmen das Geschäftliche, Versicherungsangelegenheiten, Steuererklärung
  • Kümmern, Fürsorge, Gesellschaft leisten
  • Private Dinge organisieren wie Familientreffen
  • Pflegen oft selbst, auch in der Nacht.

Trotzdem bleibt das Gefühl: „Ich müsste mehr tun.“ Und all jene, die diese Liste nicht abarbeiten, sondern sich Hilfe organisieren oder die Person ins Pflegeheim geben, haben genau das gleiche schlechte Gewissen.

Aus eigener Erfahrung können wir aber alle beruhigen und sagen: Egal, wie viel Zeit, Energie, Fürsorge man investiert – das schlechte Gewissen ist trotzdem immer da! Gut, es fühlt sich besser an, wenn man die Person zuhause und im Blick hat, als wenn sie im Heim ist, aber trotzdem ist das schlechte Gewissen da. Weil einfach nichts reicht und das liegt halt an der Natur der Sache – der Krankheit, des Zustands und der Psyche vieler Menschen im Alter oder chronisch Kranker und schwerkranker Patienten.

Das schlechte Gewissen bei Kurzzeitpflege

Kaum ein Thema löst bei Angehörigen so viele Schuldgefühle aus wie Kurzzeitpflege oder Verhinderungspflege. Viele fühlen sich, als würden sie die pflegebedürftige Person im Stich lassen, wenn sie einmal durchatmen möchten.

Aus Erfahrung können wir auch hier sagen: In den meisten Fällen ist Kurzzeitpflege nicht so schlimm, wie man sie sich vorstellt! Die Zeit geht vorüber und der Alltagstrott zuhause ist schnell wieder da. Meist hat die Person durch den „Tapetenwechsel“, durch andere Gesichter und ein Tagesprogramm zumindest vorübergehend positive Impulse gehabt.

Kurzzeitpflege ist oft eine regelrecht überlebensnotwendige Auszeit für die Pflegenden Angehörigen: Wer dauerhaft pflegt, lebt oft in einer permanenten Alarmbereitschaft. Viele schlafen schlecht, haben kaum Freizeit und funktionieren monatelang oder jahrelang wie eine Maschine. Erholung ist dann kein Luxus mehr, sondern gesundheitlich dringend notwendig.

Kurzzeitpflege bedeutet nicht: „Ich kümmere mich nicht mehr.“ Sondern: „Ich versuche, nicht selbst daran kaputtzugehen.“ Und: „Ich versuche Kraft zu schöpfen für weitere Monate.

Wir können aus Erfahrung sagen: Das funktioniert. Wir hatten über 5 Jahre Pflege hinweg pro Jahr 1-3 Wochen Kurzzeitpflege und diese Zeiten haben wirklich dafür gesorgt, dass man wieder Kraft hatte, weiter zu machen. Klar, die Kurzzeitpflege hatte Nachteile: Es fehlte zum Beispiel an ausreichend Physiotherapie und körperlicher Mobilisation, sodass wir nach der Auszeit Mühe hatten unsere Pflegeperson wieder in den „Fitnesszustand“ wie vor der Auszeit zu bringen. Und je nach Heim gibt es natürlich oft Dinge, die nicht ideal laufen. Aber keine Kurzzeitpflege oder Verhinderungspflege zu nutzen, ist nicht die bessere Lösung.

Wir betonen dies, weil in den Pflegegruppen immer wieder dieses Thema aufkommt, die Angst vor Kurzzeitpflege und das unerträglich schlechte Gewissen, den Angehörigen „wegzugeben“.

Wenn man jemanden nicht mehr zufrieden oder glücklich machen kann

Besonders schwer wird das schlechte Gewissen bei Demenz. Viele Angehörige erleben das schmerzhaftes Gefühl: Die geliebte Person wirkt plötzlich verloren, allein, traurig und hilflos. Vielleicht sitzt sie einfach nur da und schaut ins Leere. Sie ist nicht aktiv, lässt sich nicht mehr motivieren, aufmuntern. Sie bleibt unzufrieden, obwohl man sich den ganzen Tag gekümmert hat.

Der natürliche Instinkt in Form von Mitleid meldet sich… Man versucht noch mehr – hilft auch nichts: Schlechtes Gewissen bleibt.

Man feiert gemeinsam Geburtstage, bringt Lieblingsessen/Kuchen mit, organisiert Ausflüge, leistet Gesellschaft, erfüllt Wünsche. Aber Freude und Zufriedenheit sind nur von kurzer Dauer oder sie kommt gar nicht auf, weil die demente Person gerade einen besonders schlechten Tag hat oder sich vom Besuch überfordert fühlt.

Demenz verändert nicht nur das Gedächtnis, sondern meist auch das emotionale Erleben eines Menschen. Selbst liebevolle Fürsorge kann innere Angst, Unruhe oder dieses verlorene Gefühl nicht vollständig auflösen. Die Angehörigen geraten dadurch in eine schmerzhafte Ohnmacht.

Niemand kann rund um die Uhr alles auffangen

Viele Pflegebedürftige sind dauerhaft in einer Art Depression gefangen. Das ist verständlich – nichts ist mehr wie früher, der Körper macht nicht mehr mit, der Kopf auch nicht. Oft wird dann auch die Schuld bei den anderen gesucht, wenn etwas nicht mehr geht oder es anhaltende Beschwerden gibt. Vor allem strahlen Demente eine Einsamkeit aus, die man mit Gesellschaft nicht wegpflegen kann.

Trotzdem denken viele Angehörige:
Vielleicht hätte ich noch länger bleiben sollen.
Vielleicht hätte ich netter reagieren müssen.
Vielleicht hätte ich doch noch vorbeifahren sollen.

Es wird übersehen, wie viel bereits geleistet und gegeben wurde.

Das schlechte Gewissen nach dem Tod

Besonders schwer wird das schlechte Gewissen für viele Angehörige nach dem Sterben.

Einige tragen jahrelang einen Satz mit sich herum: „Ich war nicht da.“ oder „Ich konnte mich nicht verabschieden.“

Es fühlt sich wie persönliches Versagen an. Doch Pflegekräfte und Hospizmitarbeiter erzählen immer wieder etwas Erstaunliches: Viele Sterbende gehen tatsächlich erst dann, wenn sie alleine sind! 

Die Natur will es oft so. Sie können vielleicht erst dann loslassen, wenn die Familie weg ist. Oder Tod und Leben werden auf diese Weise natürlich getrennt. Es ist nicht grundsätzlich etwas Schlechtes, wenn jemand im Augenblick des Todes alleine ist. Wir können auch davon ausgehen, dass die Person nicht alleine ist, sondern von jenseitigen Wesen abgeholt und begleitet wird.

Es gibt also keinen Grund, sich jahrelang Vorwürfe zu machen, wenn man im Augenblick des Sterbens von Mutter, Vater etc. gerade wieder auf dem Heimweg vom Krankenhaus war, im Urlaub oder sonst wo.

Es gibt keine Regel, die vorschreibt, dass der Tod von Angehörigen miterlebt und begleitet werden muss. Die Natur will es oft anders, auch wenn die Angehörigen meinen, sie hätten sich aktiv „verabschieden“ müssen. Das kann man auch im Nachhinein noch über Gesten, Grabbesuche, innere Gespräche, Lieder, Gedichte, ja auch über Social Media Postings. Es gibt vielerlei Möglichkeiten, nach dem Tod den Abschied noch zu zelebrieren. Viele Menschen erleben ohnehin, dass sie nach dem Tod noch Zeichen und Botschaften ihrer Verstorbenen erhalten. Wer wachsam und aufgeschlossen ist, kann so erfahren, dass alles gut ist und die verstorbene Person gut „angekommen“ ist.

Schlechtes Gewissen arbeitet immer nur für andere

Pflegende Angehörige versuchen, alles richtig zu machen. Aber Pflege ist kein Zustand, den man beherrschen kann. Es gibt wohl in jeder Pflegesituation Momente der Überforderung, Ungeduld, Verzweiflung, Erschöpfung. Und oft sind es nicht Momente, sondern eine chronische Überforderung, die an den Nerven zerrt und dann dafür sorgt, dass man nicht mehr geduldig und verständnisvoll sein kann.

Wenn sich trotz allem, was man versucht zu geben, immer weiter das schlechte Gewissen meldet, muss man sich diesem widmen, auch mit der Frage:
Warum verlange ich von mir Dinge, die kein Mensch dauerhaft leisten kann? Und: Warum meldet sich das schlechte Gewissen nicht mir selbst gegenüber? Wenn ich mich selbst überfordere? – Denn das tut es nicht. Die Natur des schlechten Gewissens ist, dass es für andere funktioniert, nicht für einen selbst.

Hier muss man ansetzen. Dadurch, dass das Gewissen nur an andere denkt, vernachlässigt man sich selbst, bei etlichen Pflegenden Angehörigen so stark, dass sie davon krank werden. Wer der Typus dafür ist, kann versuchen innere Gespräche mit dem schlechten Gewissen zu führen: „Was willst du noch von mir?“ „Wer sorgt für mich?“ etc. all die Fragen und Vorwürfe, mit der man vielleicht seine Pflegeperson konfrontieren möchte, kann man seinem schlechten Gewissen stellen.

Wer anfängt sich dem Gefühl zu widmen, lernt damit umzugehen, es zu dämpfen oder zum Schweigen zu bringen. Das Problematische: Viele Menschen, die aktuell pflegende Angehörige sind, gehören einer Generation an, die viel mehr auf Pflichtbewusstsein erzogen wurden als jüngere Generationen, die mehr an ihre eigenen Rechte denken dürfen.

All dies heißt nicht, dass man schlechtes Gewissen ignorieren sollte und stur seinen Stiefel fahren, sondern man sollte es in seine Schranken weisen und klein halten. Das ist möglich. Zugunsten der Situation, in der man seine Kraft für andere Dinge als das schlechte Gewissen braucht.

Checkliste: Wie kann man mit dem schlechten Gewissen umgehen?

  • Sich bewusst machen: Das schlechte Gewissen verschwindet oft nicht – egal, wie viel man tut. Noch mehr Einsatz löst das Problem meist nicht.
  • Verstehen, dass man Krankheit, Alter oder Demenz nicht „wegpflegen“ kann. Man kann begleiten, helfen und schützen – aber nicht alles wieder gut machen.
  • Sich fragen: „Würde ich von einem anderen Menschen verlangen, was ich gerade von mir verlange?“ Oft ist man zu sich selbst viel härter als zu anderen.
  • Wahrnehmen, wie viel bereits geleistet wird. Viele Angehörige sehen nur das, was sie nicht schaffen – und übersehen alles, was sie täglich leisten.
  • Das schlechte Gewissen hinterfragen: „Habe ich wirklich etwas falsch gemacht – oder halte ich einfach nur eine traurige Situation nicht aus?
  • Sich bewusst machen: Das schlechte Gewissen arbeitet fast immer nur zugunsten anderernie zugunsten der eigenen Gesundheit. Genau deshalb muss man anfangen, sich selbst mit einzubeziehen.
  • Sich fragen:
    Wer sorgt eigentlich für mich?
    Was passiert, wenn ich krank werde?
    Was würde die pflegebedürftige Person in gesunden Zeiten dazu sagen, dass ich mich kaputtmache?
  • Hilfe und Entlastung nicht als Versagen sehen: Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege oder Unterstützung durch andere Menschen sind oft notwendig, damit Pflege überhaupt langfristig möglich bleibt.
  • Akzeptieren, dass manche Pflegebedürftige trotz aller Liebe unzufrieden, traurig oder verloren wirken werden. Das bedeutet nicht automatisch, dass man versagt hat.
  • Lernen, Grenzen zu setzen, bevor Körper und Psyche zusammenbrechen. Dauerhafte Selbstüberforderung hilft am Ende niemandem.
  • Nicht jede Schuldgefühls-Welle sofort ernst nehmen. Gefühle fühlen sich oft wie Wahrheiten an – sind aber nicht immer objektiv richtig.
  • Sich erlauben, auch noch ein eigener Mensch zu sein. Nicht nur Pflegender Angehöriger. Nicht nur Helfer. Sondern jemand mit eigenen Bedürfnissen, Grenzen und einem eigenen Leben.

Wohin mit dem schlechten Gewissen?

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