Ergotherapie bei Demenz: Bringt das etwas?

Wenn ein Mensch an Demenz erkrankt, stehen Angehörige oft vor der Frage, welche Therapien wirklich sinnvoll sind. Neben Medikamenten wird häufig Ergotherapie empfohlen. Doch was passiert dort eigentlich? Kann Ergotherapie den Krankheitsverlauf beeinflussen? Und lohnt sich der Aufwand für Betroffene und Familien?

Wir haben leider erst recht spät Ergotherapie in Anspruch nehmen können, weil die Ergotherapeuten in unserem Wohnort ständig ausgebucht waren.

Hintergrund: Unser Vater bekam nach 2 „kleineren“ Herzinfarkten auch 2 Schlaganfälle. Der zweite so, dass die typische halbseitige Lähmung auftrat, die dann aber nach der Reha wieder weitestgehend verschwand. In der Reha bekam er noch Ergotherapie, zuhause wurde das aber dann nicht fortgeführt, auch weil der Zustand eine ganze Weile stabil blieb. Aber dann kam immer mehr Demenz hinzu.

Diese wurde aber erst relativ spät diagnostiziert, bzw. die Notwendigkeit einer eindeutigen Diagnose ergab sich erst, als es um eine höhere Pflegegradeinstufung ging. Nach der Diagnose im Krankenhaus bekam er wieder Ergotherapie verschrieben.

Wie wir dann feststellten, wäre es besser gewesen, er hätte die Ergotherapie schon früher bekommen, da sie aktiviert und Spaß macht. Sie kann aber auch überfordern.  Das muss man als Angehöriger im Auge behalten.

Allgemein ist es schwierig Pflegebedürftigen all die Therapien und Anwendungen zukommen zu lassen, die eigentlich nötig wären. Ideal wären 2x die Woche Physiotherapie und 2x die Woche Ergotherapie. Später dann auch noch Logopädie wegen Schluckproblemen, die bei vielen Schlaganfallpatienten/Dementen aber auch schon von Anbeginn an auftreten können. Aber dies alles über Jahre hinweg, was sich oft nicht realisieren lässt, zu teuer kommt und am Zeitmangel der Therapeuten scheitert.

In der Ergotherapie wird nicht einfach nur „beschäftigt“, sondern gezielt mit dem Patienten gearbeitet: Spezielle Spiele gespielt, Erinnerungen aktiviert und vorhandene Fähigkeiten trainiert. Die gemeinsamen Stunden sorgen nicht nur für geistige Anregung, sondern auch für sichtbare Freude und Erfolgserlebnisse.

Ergotherapie bei Demenz: Bringt das etwas?

Welche Ziele verfolgt die Ergotherapie?

Die Therapie wird individuell an die Bedürfnisse und den Krankheitsstand angepasst. Zu den häufigsten Zielen gehören:

  • Erhalt von Gedächtnis und Konzentration
  • Förderung der Orientierung
  • Training von Alltagsfähigkeiten
  • Verbesserung der Feinmotorik
  • Stärkung des Selbstwertgefühls
  • Förderung sozialer Kontakte
  • Strukturierung des Tagesablaufs

Gerade Erfolgserlebnisse spielen eine wichtige Rolle. Viele Demenzkranke erleben im Alltag zunehmend Situationen, in denen etwas nicht mehr gelingt. In der Ergotherapie stehen dagegen die Fähigkeiten im Mittelpunkt, die noch vorhanden sind.

Was wird in der Ergotherapie konkret gemacht?

Die Vorstellung, Ergotherapie bestehe hauptsächlich aus Bastelarbeiten, ist längst überholt. Tatsächlich kommen heute viele unterschiedliche Methoden zum Einsatz.

Spezielle Gedächtnisspiele

Besonders beliebt sind Spiele, die Konzentration, Aufmerksamkeit und Erinnerungsvermögen fördern. Dazu gehören beispielsweise:

  • Bildkarten mit Alltagssituationen
  • Memory-Varianten mit vereinfachten Regeln
  • Zuordnungs- und Sortierspiele
  • Wort- und Begriffsspiele
  • Farben- und Formenspiele

Die Übungen werden so ausgewählt, dass sie weder unter- noch überfordern.

Alltagstraining

Hier wird geübt, alltägliche Tätigkeiten möglichst lange selbstständig auszuführen:

  • Tisch decken
  • Wäsche sortieren
  • einfache Mahlzeiten vorbereiten
  • Knöpfe schließen
  • Gegenstände richtig zuordnen

Dadurch bleiben Routinen erhalten, die Sicherheit vermitteln.

Erinnerungsarbeit

Viele Menschen mit Demenz erinnern sich deutlich besser an Ereignisse aus ihrer Jugend als an aktuelle Geschehnisse.

Deshalb arbeiten Ergotherapeuten häufig mit:

  • alten Fotos
  • Musik aus vergangenen Jahrzehnten
  • bekannten Gegenständen
  • Geschichten aus früheren Lebensabschnitten

Diese sogenannte Biografiearbeit kann Erinnerungen wecken und positive Emotionen hervorrufen.

Bewegung und Motorik

Auch körperliche Übungen gehören oft zur Ergotherapie:

  • Greifübungen
  • Ballspiele
  • Bewegungsparcours
  • Koordinationsübungen
  • Übungen für Hände und Finger

Körperliche Aktivität wirkt sich häufig positiv auf Wohlbefinden und Selbstständigkeit aus.

Kann Ergotherapie den Verlauf der Demenz verlangsamen?

Eine Heilung ist leider nicht möglich. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedoch, dass geistige und soziale Aktivität dazu beitragen können, Fähigkeiten länger zu erhalten.

Viele Betroffene profitieren von:

  • mehr Aktivität im Alltag
  • besserer Orientierung
  • größerem Selbstvertrauen
  • weniger Rückzug
  • höherer Lebensqualität

Der Nutzen zeigt sich oft nicht in spektakulären Verbesserungen, sondern darin, dass Fähigkeiten über längere Zeit stabil bleiben. Insgesamt wird auch der Pflegealltag leichter, wenn jemand kommt und die vorhandenen Fähigkeiten trainiert und aktiviert.

Unsere Erfahrung: Spielen mit Sinn

Ergotherapie macht fast in jedem der Stadien Sinn: Bei jüngeren oder noch fitten Schlaganfall-Patienten hilft sie den Alltag zu bewältigen, bei älteren, Schwachen erhält sie die noch vorhandenen Fähigkeiten.

Schwierigkeit: Die sogenannten Spiele können dem Patienten lächerlich, albern und kindisch vorkommen. Oder: Sie machen traurig, z.B. wurde unser Vater durch Schachspielen zu sehr daran erinnert, wie gut er das früher konnte. Wenn man das merkt, sollte man das Spiel wechseln.

Andere Spiele, wie große Puzzles, auf denen nostalgische Bilder zu sehen waren wie alte Autos und Berufe oder Tätigkeiten aus früheren Jahrzehnten, erfreuen Senioren meist. Sie haben ja oft ein erstaunliches Gedächtnis, was die Vergangenheit angeht.

Funfact: Unsere Ergotherapeutin behauptete immer wieder, unser Vater wäre gar nicht dement, weil er manche geistigen Dinge noch gut meistern konnte. Sie erlebte ihn allerdings nicht im Alltag und auch nicht nachts. Seine Demenz wurde im KH eindeutig diagnostiziert, allerdings gibt es 80 verschiedene Arten von Demenz und sie zeigt sich daher nicht immer gleich. Sehr häufig ist aber eben, dass Erinnerungen noch gut funktionieren und auch Assoziationen, Wortspiele, Rechenspiele. Diese Fähigkeiten täuschen darüber hinweg, dass die Alltagskompetenz nicht mehr gegeben ist.

Sehr ungewohnt und herausfordernd bei der Ergotherapie ist der Umstand, dass diese Spiele kein wirkliches „Ziel“ haben: Es muss nichts fertig gestellt werden, nichts geschafft und nicht gesiegt. Das ist für alle Seiten ungewohnt. Manche Ergotherapeuten entwickeln auch einen gewissen Ehrgeiz und wollen weiterkommen. Dabei ist oft schon viel gewonnen mit ein bisschen Aktivität.

Auch können diese Spiele und Erinnerungen für die Patienten als sehr anstrengend und auch aufwühlend empfunden werden, weswegen es schon gut ist, als Angehöriger öfter mal dabei zu sein und zu schauen, was gut tut was nicht. Das merkt man dann nämlich nach der Therapie, wenn der Therapeut weg ist.

Einige der Spiele wie Luftballons Kicken haben wir dann für die Seniorenassistenz übernommen. Dazu braucht man lediglich einen Luftballon, der mit den Händen oder Füßen hin und her gekickt wird. Das ist so einfach wie genial. Es kann dann auch bei Familienfeiern gespielt werden.

Besonders empfehlenswertes Spiel:

Jeder Patient ist anders und die Spiele müssen auf dessen Fähigkeiten abgestimmt werden. Wir haben das Kartenset „Die bunte Ratebox für Senioren und Seniorinnen. Ein Kartenspiel-Set zum Rätseln, Bewegen und Erzählen.“* als besonders sinnvoll und unterhaltsam empfunden. 

Die 180 Spielkarten orientieren sich in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden an der Lebens- und Wissenswelt der Seniorinnen und Senioren. Sie regen zum Rätseln und Knobeln an, rufen Erinnerungen ins Gedächtnis und halten den Körper in Bewegung. Das Spiel kann gemeinsam mit noch fitten Personen gespielt werden. Wir hatten oft sogar den Fall, dass unser Vater noch mehr wusste als wir, was für besondere Erfolgserlebnisse sorgte.

Karten „Sprücheklopfer“: Hier müssen bekannte Sprichworte ergänzt werden wie „Der Apfel fällt…“ – meist kommt dann die Antwort wie aus der Pistole geschossen, was witzig und bestätigend wirkt.

Karten „Auskenner“: Beispielfrage „Welche Dinge kommen in den Werkzeugkoffer?“ – auch hier können viele demenzkranke Senioren noch ordentlich punkten und amüsieren sich dabei.

Karten „Sachensucher“: „Nennen Sie drei Obstsorten die gelb sind!“, „Nennen Sie ein Lebensmittel, dass sauer schmeckt!“, „Nennen Sie Gewürze, die scharf schmecken!“

Karten „Schlaumeier“: „Nennen Sie zwei Länder, die an Deutschland grenzen!“

Karten „Buchstabenjongleur“: „Nennen Sie zwei weibliche Vornamen, die mit H beginnen!“

Dazu gibt es noch Aktivierungskarten, beispielsweise Pantomime-Aufgaben oder andere Bewegungen.

Vor allem regt dieses Spiel die Fantasie für Betreuer, Therapeuten an, denn man kann die Rätselspiele und -fragen beliebig ausweiten.

*Affiliatelink, bei einer Bestellung verdienen wir eine kleine Provision

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