Wenn die Pflege zu Hause kippt: Warum eine psychiatrische Medikamenteneinstellung bei Demenz lebensrettend sein kann

Es fängt oft schleichend an: Der Partner oder das Elternteil wird unruhig, verweigert die tägliche Hygiene oder wird verbal und körperlich aggressiv. Wenn dann noch Inkontinenz hinzukommt und jede pflegerische Maßnahme – vom Zähneputzen bis zum Wechseln von Pflegemitteln – zum täglichen Machtkampf wird, geraten pflegende Angehörige an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit.

Viele Betroffene verharren viel zu lange in dieser Situation. Sie quälen sich mit Schuldgefühlen, schlafen nicht mehr und denken: „Mir kann eh keiner helfen.“
Doch das stimmt nicht. Wenn Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz den Alltag beherrschen, ist das ein medizinisches Symptom – und kein Schicksal, das man stumm ertragen muss! Leider herrscht in unserer Gesellschaft immer noch große Hilflosigkeit, wenn es um die typischen Demenz-Symptome geht. Auch Scham und Verständnislosigkeit oder hilfloses Entsetzen helfen niemandem weiter. Es ist leider typisch, dass Demenz-Kranke eine Abneigung vor der ganz normalen täglichen Hygiene entwickeln. Und das ist kein persönlicher Spleen, sondern eben allgemein so.
Da das viele Angehörige aber gar nicht wissen, reagieren sie oft nur entsetzt, auch erbost über das abstoßende und aufreizende Verhalten der Erkrankten und stecken in einem Teufelskreis fest. Denn weder Vorwürfe, noch erzieherisches Verhalten, noch liebevolle Erinnerungen und Ermahnungen helfen viel.
Auch steigert sich die dramatische Situation dadurch, dass die hygienischen Maßnahmen im Alltag ja immer wieder wiederholt werden müssen, wie Windelwechseln und dies den Unmut der Pflegebedürftigen weiter steigert. Auch kann verständlicherweise nicht jeder Mensch ertragen, wenn andere an ihm/ihr „herumzerren“ ihn/sie an- oder auskleiden, waschen, rasieren. Trotzdem kann man die Angehörigen nicht einfach „lassen“, wie man sich denken kann. Es wird schnell unappetitlich und gesundheitsgefährdend. Das aber sehen die Demenzerkrankten selber nicht ein.

Warum Aggression und Verweigerung Symptome der Krankheit sind

Verhaltensänderungen wie Aggression, Bösartigkeit, Paranoia oder die völlige Ablehnung von Hilfe (sog. BPSD – Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia) entstehen oft durch Veränderungen im Gehirn, aber auch durch nicht erkannte körperliche Ursachen:
  • Unbehandelte Schmerzen oder stille Infekte (z. B. ein Harnwegsinfekt, der bei Demenz extreme Verwirrtheit und Aggression auslösen kann).
  • Überforderung und Reizüberflutung (z. B. nach Familienfeiern oder Ausflügen).
  • Angst und Kontrollverlust, die sich in Abwehr ausdrücken.
Wenn Worte nicht mehr helfen und die Situation eskaliert, reicht die Unterstützung durch ambulante Pflegedienste oft nicht mehr aus.

Der Ausweg: Einweisung ins Krankenhaus oder die Gerontopsychiatrie

Viele Angehörige schrecken vor dem Wort „Psychiatrie“ zurück. Dabei ist eine gerontopsychiatrische Station oder eine Fachabteilung für Geriatrie/Gerontopsychiatrie im Krankenhaus oft der entscheidende Wendepunkt.

Was passiert bei einer stationären Aufnahme?

  1. Ganzheitliche Ursachenforschung: Im Krankenhaus wird zuerst geprüft, ob körperliche Ursachen (Schmerzen, Entzündungen, Mangelerscheinungen) das aggressive Verhalten verstärken.
  2. Medikamentöse Neueinstellung: Fachärzte (Gerontopsychiater) können Medikamente (z. B. Neuroleptika, Antidepressiva oder Stimmungsstabilisierer) unter ständiger Beobachtung präzise dosieren. Da diese Medikamente im häuslichen Umfeld schwer einzustellen sind und engmaschig überwacht werden müssen, ist der stationäre Rahmen ideal.
  3. Entlastung für Angehörige: Während des Aufenthalts (meist 2 bis 6 Wochen) gewinnen pflegende Angehörige Zeit, um durchzuatmen, eigenen Schlaf nachzuholen und die weitere Pflege zu organisieren.

Wie läuft die Einweisung ab?

Es gibt im Wesentlichen drei Wege in die Klinik:
  1. Der reguläre Weg über den Hausarzt oder Facharzt:
    Schildere dem Arzt ungeschönt die Lage zu Hause. Scham ist hier völlig unangebracht. Der Arzt kann eine Einweisung (Verordnung von Krankenhausbehandlung) für eine gerontopsychiatrische Station ausstellen.
  2. Der Notfallweg bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung:
    Wenn die Situation zu Hause eskaliert, die pflegebedürftige Person sich oder andere gefährdet (oder die pflegende Person körperlich zusammenbricht), kann jederzeit der Notarzt (112) gerufen oder die Rettungsstelle eines Krankenhauses aufgesucht werden.
  3. Beratung durch den Sozialpsychiatrischen Dienst (SpDi):
    In fast jeder Kommune gibt es einen Sozialpsychiatrischen Dienst. Dieser berät Angehörige kostenlos, macht Hausbesuche und kann bei schweren Krisen unterstützen.

Keine Schuldgefühle: Selbstfürsorge ist keine Egoismus

Das Wichtigste für Angehörige in dieser Situation: Eine Einweisung ins Krankenhaus ist kein Abschieben.
Es ist eine medizinische Notwendigkeit. Wer selbst vor Erschöpfung zusammenbricht, kann auch für niemanden mehr sorgen. Eine medikamentöse Einstellung kann dafür sorgen, dass der Erkrankte wieder ruhiger wird, Ängste verliert und die Pflege wieder zugelassen werden kann – was im besten Fall die Rückkehr in ein würdevolles Miteinander ermöglicht.

Eigene Erfahrung:

In unserem Fall blieb uns extreme Aggressivität oder sogar körperliche Gewalt zum Glück erspart. Wir hatten allerdings auch gegen Unmut und Unwillen gegen Hygienemaßnahmen zu kämpfen. Vor allem die fehlende Einsicht für all die nötigen Handgriffe kann einem ordentlich zu Schaffen machen.
Richtige Aggressivität aber kann die Pflege zuhause vollkommen unmöglich machen und ist auch im Heim ein großes Problem. Man sollte daher Medikamente, die die Patienten friedlicher machen, nicht allgemein verteufeln. Wir haben im Familienkreis bei einem betroffenen Onkel erlebt, dass die medikamentöse Einstellung eine große Erleichterung war und zu einem sogar wieder liebevollen und respektvollen Zusammenleben zwischen den Ehepartnern führte.
Das allgemein verteufelte „Ruhigstellen“ ist hiermit nicht gemeint. Bei fortgeschrittener Demenz sind entsprechende Medikamente auch eine Erlösung für die Betroffenen: sie sind wieder mehr sie selbst, zufriedener und beruhigter. Bei uns war es so, dass wir selbst die Hausärztin nach einem „Pflaster“ fragten, das Demenzkranke laut Pflegeberatung bekämen.
Das Rivastigmin Pflaster wird jeden Tag auf die Haut aufgeklebt und gibt so seine Wirkstoffe ab. Es hilft nicht jedem Patienten und hat auch manchmal Nebenwirkungen, sodass man abwägen muss. Leider denkt nicht jeder Hausarzt daran und es bekommt auch nicht jeder schwierige Patient eine psychiatrische Behandlung, auch wenn es nötig wäre und den Pflegealltag erleichtern würde.
Pflegende Angehörige müssen leider  vieles selber erforschen, nachhaken und für vieles kämpfen. Daher gibt es diesen Blog, damit man sich gegenseitig helfen kann.
Hier ist ein passender Abschnitt, den du nahtlos in den Artikel einfügen kannst. Er nimmt die Ängste rund um das Wort „Psychiatrie“ feinfühlig auf und räumt mit den alten Vorurteilen auf:

Das Stigma überwinden: Warum das Wort „Psychiatrie“ heute keine Angst mehr machen muss

Wenn das Wort Psychiatrie fällt, schrecken viele Menschen erst einmal zurück. Im Kopf entstehen oft veraltete Bilder aus Filmen: düstere Flure, verschlossene Türen, Fixiertwerden, Gitter vor den Fenstern – kurzum, das alte Klischee der „Klapse“, in die man nur kommt, wenn man „verrückt“ oder gefährlich ist.
Doch die Realität der modernen Psychiatrie sieht völlig anders aus.
Heute sind psychiatrische Fachkliniken und Gerontopsychiatrien moderne, medizinische Kompetenzzentren. Der Großteil der Patientinnen und Patienten dort leidet unter Volkskrankheiten wie schweren Depressionen, Burnout, Angststörungen, Traumata oder eben altersbedingten Gehirnerkrankungen wie der Demenz.

Speziell für ältere Menschen: Die Gerontopsychiatrie

Für Menschen mit Demenz gibt es meist eigene Fachabteilungen – die sogenannte Gerontopsychiatrie (Alterspsychiatrie). Diese Stationen sind speziell auf die Bedürfnisse älterer und verwirrter Menschen ausgerichtet:
  • Fachpersonal mit Spezialwissen: Pflegekräfte und Ärzte dort sind geschult im mitfühlenden, deeskalierenden Umgang mit Demenzkranken. Sie wissen, dass Aggression oft nur ein Hilferuf aus Angst oder Überforderung ist.
  • Ganzheitliche Therapie: Es geht nicht nur um Medikamente, sondern auch um Ergotherapie, Musiktherapie, Bewegung und die Reizreduktion in einem geschützten Raum.
  • Schutz und Ruhe: Eine gerontopsychiatrische Station bietet einen sicheren Rahmen, in dem Patienten nicht überfordert werden und Angehörige die Gewissheit haben, dass ihr Partner rund um die Uhr gut behütet ist.
Eine Einweisung in eine Psychiatrie bedeutet also nicht, jemanden „wegzusperren“. Es bedeutet, ihm die spezialisierte medizinische Hilfe zukommen zu lassen, die eine normale Arztpraxis oder ein allgemeines Krankenhaus in dieser Intensität gar nicht leisten kann.

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