Was macht ein Logopäde bei Dysphagie eigentlich genau?

Viele Menschen denken bei Logopädie zuerst an Kinder mit Sprachfehlern oder Stottern. Wenn Angehörige das erste Mal bei einer Therapie gegen Schluckstörungen (Dysphagie) dabei sind, sind sie oft erstaunt, wie vielseitig, handfest und ganzheitlich diese Arbeit ist.
Die logopädische Therapie ist weit mehr als nur „Schlucken üben“ – sie ist ein maßgeschneidertes Training für die gesamte Kopf-, Hals- und Oberkörpermuskulatur.

Wie wir hier alle wissen, dauert es immer sehr lange bist der Bürokratie-Apparat in unserem Lande anläuft, besonders in der Pflege. Es wäre ideal, wenn Senioren bereits beim ersten häufigen Verschlucken sofort eine Therapie vom Logopäden verordnet bekämen, damit der Prozess aufgehalten werden kann und die  Angehörigen damit besser umgehen können. Denn das Thema ist sehr komplex und lässt sich nicht „instinktiv“ lösen, wie andere Probleme in der Pflege.

1. Die verständliche Aufklärung: Den Schluckakt begreifen

Zu Beginn steht das Verständnis. Logopädinnen und Logopäden erklären Betroffenen und Angehörigen verständlich, was beim Schlucken im Körper passiert. Mithilfe von Modellen oder Grafiken zeigen sie, wie über 40 Muskeln und verschiedene Nerven perfekt zusammenspielen müssen, um Nahrung und Flüssigkeit sicher in die Speiseröhre zu befördern. Zu verstehen, warum das Verschlucken passiert und welche Gefahr für die Lunge besteht, nimmt oft die Unruhe und schafft Motivation für die Übungen.

2. Erstaunlich vielseitig: Die konkreten Übungen

Die eigentlichen Therapieübungen wirken auf den ersten Blick manchmal ungewohnt, sind aber hochwirksam:
  • Muskeltraining für Zunge und Lippen: Die Zunge ist der Hauptmotor beim Schlucken. Mit gezielten Widerstandsübungen (z. B. die Zunge gegen einen Spatel oder den Gaumen drücken) wird die Zungenkraft gestärkt, damit Nahrung besser nach hinten transportiert werden kann.
  • Kehlkopftraining: Durch spezielle Atem- und Stimmübungen (z. B. das Halten bestimmter Töne oder gezieltes Räuspern) wird gelernt, den Kehlkopf wieder kräftiger nach oben zu ziehen und die Atemwege während des Schluckens fest zu verschließen.
  • Haltungstechniken (wie der „Chin-Tuck“): Das richtige Absenken des Kinns oder das Drehen des Kopfes zu einer bestimmten Seite wird so lange eingeübt, bis es im Alltag wie von selbst klappt.
  • Sensorische Reize: Manchmal werden auch Kälte-, Wärme- oder Geschmacksreize eingesetzt, um einen verzögerten Schluckreflex wieder schneller „aufzuwecken“.

3. Fachkundige Hilfsmittel- und Alltagsberatung

Ein ganz wesentlicher Teil der Logopädie ist die praktische Beratung für den Pflegealltag zu Hause:
  • Das richtige Trink- und Essgeschirr: Therapeuten analysieren genau, welches Gefäß passt. Sie empfehlen beispielsweise spezielle Nasenausschnittbecher (damit der Kopf beim Trinken gerade bleibt), Becher mit Thermofunktion oder speziell geformte Löffel, die das Dosieren erleichtern. Auch von ungeeigneten Gefäßen (wie klassischen Schnabelbechern mit langer Tülle, die oft zu Verschlucken führen) wird gezielt abgeraten.
  • Die passende Konsistenz: Die Logopädie berät konkret, wie Speisen und Getränke beschaffen sein müssen. Sie zeigt, wie man Flüssigkeiten richtig andickt oder Nahrung so zubereitet, dass sie ohne große Anstrengung geschluckt werden kann, ohne dass Püriertes langweilig schmeckt.
  • Sicheres Reichen von Mahlzeiten: Angehörige lernen die optimale Sitzposition und Handgriffe kennen, um die Pflegeperson beim Essen und Trinken sicher zu unterstützen.
Der Besuch beim Logopäden nimmt Angehörigen die Hilflosigkeit. Er verwandelt das vage Gefühl der Angst vor dem Verschlucken in konkrete, machbare Schritte für einen sicheren und würdevollen Alltag.

Es lohnt sich auf jeden Fall sich so eine Therapie zu erkämpfen, wenn es nötig ist. Therapeuten vor Ort immer mal wieder abzutelefonieren. Oft ist es so, dass Logopäden heute sich auf Kinder spezialisieren bzw. sehr viele Kinder als Patienten haben, denn es ist ein großer Bedarf, weil es viele Kinder mit Sprechschwierigkeiten gibt. Bei alten Menschen mit Schluckstörungen geht es aber tagtäglich um Leben und Tod und jede Mahlzeit wird zur Bedrohung.

Auch wenn viele Therapeuten und Außenstehende die fatalistische Einstellung haben, dass es mit alten Menschen „eh bald zu Ende geht“ so wünscht sich wohl jeder Angehöriger, dass der Verwandte nicht so sterben muss, dass er sich an Essen, Trinken oder einer Tablette verschluckt. Dies konnte bei uns verhindert werden, auch wenn die letzten Monate mit Schluckstörungen sehr herausfordernd waren.

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