Positives in der Pflegezeit – gibt es auch

Leider drehen sich viele Themen rund um die Pflege um Negatives. Aber es gibt auch positive Erfahrungen und Überraschendes.

Ein positiver Aspekt aus den 10 Jahren, die die Pflegezeit bei uns in etwa in Anspruch genommen hatte, ist die Rücksichtnahme durch fremde Personen (Der Anfangspunkt der Pflegezeit in etwa war ein Schlaganfall unseres Vaters, aus dem dann einige Jahre später ein starker Abbau mit Gehunfähigkeit erfolgte und 4 Jahre Demenz)

Die Pflegezeit ist eine besondere Zeit, ganz anders als andere Arbeiten und Aufgaben im Leben. Zum einen ein Ausschluss aus dem „normalen“ Arbeitsleben und dem gesellschaftlichen und sozialen Leben, zum anderen ist es aber auch eine spirituell interessante Zeit.

Nach der Pflegezeit verändert sich der Blick auf die Welt, die Gesellschaft und all die Dinge, die von vielen so sehr wichtig genommen werden. Man kehrt im Grunde nicht mehr in diese Maschinerie zurück, sondern bleibt auf Abstand. Das kann man schon als spirituellen Wachstum betrachten.

In der Pflegezeit geht es meist um Leben und Tod. Pflegt man einen alten Menschen, muss man stets mit dem Sterben rechnen. Das macht natürlich etwas mit einem. Wer dann am Ende die Person ins Jenseits begleitet, macht auch eine besondere Erfahrung.

Die Herausforderung, dass man den Alltag nicht mehr so führen kann wie sonst – das trennt natürlich sehr von allen Menschen, die nicht pflegen und mit dem Thema bislang nicht in Berührung kamen – es zeigt einem aber auch auf, was im Leben wichtig ist – und was sich nur als wichtig aufspielt.

Rücksichtnahme und freundliche Begegnungen

Ein wichtiger positiver Aspekt, den ich aus der Pflegezeit mitnehme ist die Erfahrung von Rücksichtnahme und Empathie durch völlig fremde Personen. Als mein Vater nach seinem Schlaganfall noch laufen konnte und ich viel mit ihm unterwegs war (z.B. ins Fitness-Studio, was ihm sehr gut tat!), da erlebte ich oft positive Begegnungen mit fremden Personen.

Egal ob jung oder älter, die Menschen sahen „Hier kommt ein älterer Herr, der nicht mehr so fit unterwegs ist“ und sie nahmen Rücksicht. Hielten Türen auf, hielten mir die Autotür auf, als sie sahen, dass ich mich abmühte, ihm beim Aussteigen zu helfen. Sie nahmen das Tempo runter, ließen ihn vorbei gehen, waren aufmerksam.

Ein Mal sah eine Kassiererin im Supermarkt, dass mein Vater das Hemd nicht richtig zugeknöpft hatte (Schlaganfallsymptom und er ließ sich da auch noch nicht beim Anziehen helfen) und griff mit einem spontanen „Ihr Hemd ist aber falsch geknöpft“ kurzerhand über das Kassierband  um dies in Ordnung zu bringen. Mein Vater war etwas irritiert, aber ich fand diese Geste überraschend fürsorglich und empathisch.

Fast überall wo ich mit meinem Vater auftauchte, im Café, im Supermarkt oder eben auch im Fitness-Studio, löste er Rücksichtnahme und Kümmernis aus. Manche boten ihm einen Arm zur Stütze an, manche plauderten kurz.

Mich haben diese Reaktionen schon erstaunt, weil man unserer heutigen Gesellschaft ja gar nicht mehr so viel Empathie zutraut und weil man natürlich auch selbst besorgt ist, mit einem gebrechlichen Senior unterwegs zu sein und nicht so recht weiß, ob das nicht zu „mutig“ ist.

Ich hatte recht oft das Gefühl, dass diese fremden Personen einfach auch froh waren, Empathie zeigen zu können. Alles in allem habe ich in diesem öffentlichen Bereich viel mehr positive Erfahrungen gemacht als im Kontakt mit Krankenkassen, Ärzten und Verwandten!

Dies muss hier mal betont werden, denn das „Jammern“ der Pflegenden Angehörigen bezieht sich nicht auf alle Bereiche, sondern schon auf die, wo es begründet ist und wo man sich im Stich gelassen fühlt.

 

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