Wenn junge Menschen in die Pflegefalle tappen
Wenn junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren pflegen: Zwischen Hörsaal, Hingabe und dem Verlust der eigenen Zukunft. Warum die Zeit zwischen 20 und 30 so wichtig ist und was hier falsch läuft.
Auslöser für diesen Artikel sind wahre Geschichten aus dem Leben und die Tatsache, dass immer mehr junge Studenten heutzutage die Pflege von Angehörigen übernehmen, aus Mitleid, Pflichtgefühl oder weil sie einfach glauben jung und belastbar zu sein.
Was dies für Auswirkungen für das spätere Leben meist hat und dass hier unser Gesundheitssystem eingreifen muss, ist das Thema. Dazu möchten wir ein wahres Schicksal schildern, nämlich dass einer sympathischen medizinischen Fußpflegerin zwischen 40 und 50 Jahren.
Es ist wirklich eine wahre Geschichte, denn sie erzählte uns ihr Schicksal zwischen ihrer Arbeit bei uns zuhause. Sie hatte nach dem Abitur ein Chemie-Studium angefangen und war Feuer und Flamme für dieses Fach. Ja, sie ist es heute noch! Aber dann wurde ihr Vater schwerkrank und sie pflegte ihn gemeinsam mit Verwandten und Pflegedienst für einige Jahre.
Sie merkte gar nicht wie die Zeit verging, so schilderte sie uns. Irgendwann war es zu spät, das Studium normal fortzusetzen, sie hatte zu viel verpasst – wer das Fach Chemie kennt, weiß wie komplex es ist! Es musste Geld verdient werden und schließlich wurde sie aus Vernunftgründen Köchin.
Sie arbeitete lange Zeit als Köchin, bis die Gesundheit nicht mehr mitspielte, sie bekam eine seltene Krankheit, bei der sie ihre Füße nicht mehr spürte. Das bedeutete auch, wenn sie sich an den Füßen verletzte, etwa heiße Flüssigkeit verschüttete, spürte sie dies nicht und das wurde richtig gefährlich.
Obwohl sie in ihren Füßen kein Gefühl mehr hat, kann sie aber gehen und normal funktionieren. Aber diese merkwürdige und unangenehme Krankheit hat sie schließlich dazu gebracht, medizinische Fußpflegerin zu werden um wenigstens die Füße der alten oder kranken Menschen zu spüren oder ihnen einfach zu helfen.
Inzwischen hat sie ihren Beruf als Köchin ganz aufgegeben und ist nur noch als Fußpflegerin unterwegs. Noch immer aber spricht sie mit großer Leidenschaft von ihrem Lieblingsfach Chemie. Es ist eine nette und nicht verbitterte Frau, aber ihr Schicksal ist doch unendlich traurig und dramatisch, oder?
So wie ihr kann es heute vielen jungen Menschen gehen, die nicht abschätzen können, wie lange die Pflegezeit gehen wird und die einfach blind alles geben wollen, für die kranken Angehörigen. Es darf nicht sein, dass Angehörige von kranken Menschen beruflich so benachteiligt werden. Hier muss einfach der Staat/das Gesundheitssystem eingreifen. In anderen Ländern, siehe Schweden ist dies ja auch möglich!
Die Zeit zwischen 20 und 30 Jahren – was geschieht hier und was verliert man durch langjährige Pflege?
Die jungen Menschen selber denken, dass sie das alles schon unter einen Hut bringen können – Hauptsache Mutter, Vater oder den Großeltern geht es nicht so schlecht und sie haben Gesellschaft durch nahe Verwandte. Aber leider sind diese 10 Jahre sehr wichtig für die berufliche und soziale Entwicklung.
Vor allem probiert man sich zwischen 20 und 30 beruflich aus: Es ist alles einfach noch recht offen, man hat viele Möglichkeiten als junger Mensch. Wer anfangs eine falsche Wahl trifft, falsche Ausbildung, falsches Studienfach – kann problemlos noch wechseln. Man geht mal ins Ausland, macht Praktika, schnuppert hier und da mal rein. Die meisten Menschen wissen mit 20 noch nicht so genau, wo es beruflich hingehen soll und man verändert sich in dieser Zeit auch noch sehr, sodass die Berufswahl mit 20 nicht selten ein Fehler war.
Manche hängen an eine Ausbildung noch ein Studium, andere machen es umgekehrt und machen nach ein paar Jahren verkopftem Studium dann doch lieber eine Lehre. Jeder weiß im Grunde, dass man diese wichtigen Jahre der Ausbildung eigentlich voll und ganz braucht. Die Ausbildungen und Studiengänge sind nicht so aufgebaut, dass man sie nebenher absolvieren kann. Oft verlangen sie jungen Menschen alles ab.
Es ist einfach eine Zeit der beruflichen Selbstfindung und die Zeit, in der man am besten lernen kann, denn oft ist man noch nicht so in familiäre Pflichten durch eigene Kinder eingebunden. Je älter man wird, umso schwieriger lassen sich Ausbildung und Studium mit dem Alltag unter einen Hut bringen.
Das ist das eine, der soziale Aspekt ist der andere. Zwischen 20 und 30 knüpft man allgemein die meisten sozialen Kontakte, oft unverbindlich, aber schnell. Junge Menschen sind in dem Alter sehr offen, auch für andere Charaktere, andere Lebensstile, andere Meinungen.
Meist ist man noch nicht ganz so fest an einen Lebenspartner gebunden, will die Welt kennenlernen und möglichst viele andere Menschen. Es ist also auch die Zeit, in der man viel Menschenkenntnis erlangen kann. Anders als in der Schule, in der man eine gemeinsame Kumpelschaft mit seinen Klassenkameraden gegen die „Autorität“ der Lehrer bildete, lernt man in Ausbildung und Schule, dass es auch fiese Konkurrenz gibt.
Viele lernen in der Zeit Lebenspartner kennen, was viel leichter ist als später, weil eben alle noch nicht so festgefahren denken, das Kennenlernen spielerischer und unverbindlicher ist. Freundschaften aus dieser Phase halten oft ein Leben lang. Es ist also auch vom sozialen Aspekt her eine sehr wichtige Phase.
Diese beiden Punkte, das berufliche und das soziale, werden durch das Einbinden in die Pflege von Angehörigen sehr, oft sogar komplett, ausgebremst. Denn Freundschaften und Beziehungen leiden sehr darunter, wenn ein Part zu wenig Zeit hat und nervlich und psychisch sehr beansprucht ist.
Ein normaler Berufsweg ist mit Pflege auch nicht zu vereinen. Im besten Falle verzögert sich alles nur, aber auch das ist eine gehörige Benachteiligung. Viele geben ihre Berufswünsche später entnervt auf, weil sie nach der Pflegezeit dann zu viel nachzuholen haben.

Die Oma freut sich, wenn die Enkelin bei ihr ist, aber sie weiß oft nicht um welchen Preis oder sie vergisst einfach, dass sie gestern schon Stunden bei ihr verbracht hat.
Warum junge Menschen in die Pflegefalle tappen
Aus eigener Erfahrung/Erinnerung können wir sagen: Als junger Mensch hat man oft sehr viel Mitleid mit alten Menschen, also vor allem den Großeltern. Wir hatten in diesen jungen Jahren nicht selbst gepflegt, aber die Demenz der Oma miterlebt. Man sieht vor allem die Hilflosigkeit, Traurigkeit und das scheinbar „öde“ Leben des alten Menschen und hat viel schlechtes Gewissen. Man denkt nicht daran, dass Oma oder Opa ja schon sehr viel, auch Schönes, erlebt haben, in all den früheren Jahrzehnten – man sieht nur das Hier und Jetzt.
Und ja, viele alte Menschen drücken auch gerne auf die Mitleidsdrüse, machen sogar extra schlechtes Gewissen. Gerade, wenn sie dement sind, verstehen sie nicht, dass ihre Depressionen unabhängig vom Einsatz ihrer Familienangehörigen bestehen. Sie erwarten oft, dass die Angehörigen ihnen das bunte Leben ihrer jungen Jahre ersetzen – und das ist schlichtweg nicht möglich.
Junge Erwachsene haben also ein feines Gespür für die Not im engsten Familienkreis. Wenn Eltern oder Großeltern plötzlich Hilfe brauchen, heißt es oft wie selbstverständlich: „Wer, wenn nicht ich?“
- Die Fehleinschätzung der eigenen Kräfte: Weil man jung und vital ist, glaubt man, die Doppelbelastung aus Studium oder Ausbildung und Pflege mühelos stemmen zu können.
- Das Helfersyndrom und Loyalität: Die Angst, egoistisch zu sein, überwiegt bei Weitem. Eigene Bedürfnisse werden komplett hinten angestellt.
- Mangelnde Alternativen: Oft fehlt professionelle Unterstützung, oder sie ist schlicht unbezahlbar, sodass der junge Mensch die Lücke füllen muss.
Der verpasste Lebensabschnitt in aller Kürze dargestellt:
Die Jahre zwischen 20 und 30 sind prägend. Wer hier jahrelang in der häuslichen Pflege feststeckt, zahlt einen extrem hohen Preis:
- Karriereknick: Fehlende Präsenzzeiten, verschobene Prüfungen und mangelndes Networking erschweren den Berufseinstieg massiv.
- Soziale Isolation: Während Kommilitonen Freundschaften fürs Leben schließen und sich ausprobieren, herrscht bei pflegenden Studierenden oft einsamer Stillstand.
- Die Illusion des Nachholens: Man redet sich ein, man könne alles nach 30 nachholen. Doch die Leichtigkeit und Freiheit dieser Dekade lassen sich nicht kopieren.
Schutz vor sich selbst: Das Gesundheitssystem ist in der Pflicht
Junge Menschen können sich in dieser Situation kaum selbst schützen, denn ihr Pflichtbewusstsein ist stärker als ihr Selbstschutz. Hier muss das System eingreifen: Die aktuelle Gesundheitspolitik versagt oft dabei, junge Angehörige zu entlasten:
Es braucht dringend flexible Studienbedingungen, finanzielle Härtefallhilfen und professionelle Entlastungsstrukturen, die verhindern, dass die junge Generation als unbezahlte Pflegekraft verheizt wird. Pflege ist eine gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe – sie darf nicht auf den Schultern der Jugend ruhen.
Aktuelle Regelungen für Studenten, die einen Angehörigen pflegen
1. Das Urlaubssemester (Beurlaubung)
-
Wie es funktioniert: Nahezu jede deutsche Hochschule sieht in ihrer Immatrikulationsordnung vor, dass man sich wegen der Pflege naher Angehöriger (im Sinne des Pflegezeitgesetzes, also Eltern, Großeltern, Geschwister) für ein oder mehrere Semester beurlauben lassen kann.
-
Der Vorteil: Das Semester zählt offiziell als „Urlaubssemester“ und läuft nicht als Fachsemester. Das bremst den Druck bei den Fachstudiendauern und den BAföG-Höchststudiendauergrenzen (wobei man während des Urlaubssemesters meist kein reguläres BAföG bekommt, sondern Bürgergeld/Härtefallhilfen prüfen muss).
-
Der Haken: Offiziell darf man während eines Urlaubssemesters oft keine Prüfungen ablegen (je nach Landeshochschulgesetz und Uni-Satzung gilt ein striktes Prüfungsverbot, außer für Wiederholungsprüfungen). Wer also „nebenbei“ noch ein bisschen weiterstudieren will, stößt hier auf bürokratische Hürden.
2. Das Teilzeitstudium
-
Immer mehr Hochschulen bieten mittlerweile ein offizielles Teilzeitstudium an. Das ist für pflegende Studierende oft die realistischere Option als ein kompletter Stopp (Urlaubssemester), weil man das Pensum halbiert (z. B. nur 15 statt 30 ECTS pro Semester macht), aber im System bleibt und den Kontakt zu Kommilitonen nicht komplett verliert.
3. Nachteilsausgleiche bei Prüfungen und Fristen
-
Viele Prüfungsordnungen wurden in den letzten Jahren modernisiert. Es gibt inzwischen Paragraphen zum Nachteilsausgleich – der allerdings traditionell eher für chronisch kranke oder Studierende mit Behinderungen gedacht war, sich aber zunehmend auch auf familiäre Sorgearbeit (Care-Arbeit / Pflege) ausweitet.
-
Dazu gehören:
-
Verlängerung von Bearbeitungszeiten für Haus-, Studien- und Bachelorarbeiten.
-
Flexiblere Prüfungstermine oder alternative Prüfungsformen, wenn Präsenztermine wegen akuter Pflegeeinsätze nicht wahrgenommen werden können.
-
Warum das System trotzdem oft versagt
-
Es ist ein Flickenteppich: Jedes Bundesland und jede Hochschule kocht ihr eigenes Süppchen. An Universität A gibt es tolle Familienservices und unkomplizierte Härtefallanträge, an Universität B stößt ein pflegender Student auf taube Ohren und starre Paragraphen.
-
Die Beweislast drückt die Jungen nieder: Um an offizielle Fristverlängerungen oder Sonderregelungen zu kommen, müssen Studierende seitenweise Atteste, Pflegegrade der Angehörigen und bürokratische Anträge einreichen – während sie zu Hause ohnehin am Limit laufen.
-
Kulanz ist kein Rechtsanspruch: Wenn ein Prof „kulant“ ist, ist das nett. Wenn der nächste Prof hart bleibt und auf der Anwesenheitspflicht beharrt, bricht dem Studierenden das Semester weg. Hier fehlt ein einheitlicher, verbindlicher Rechtsanspruch auf digitale Barrierefreiheit und Flexibilisierung für pflegende Angehörige.
Vor allem aber muss es aufhören, dass Pflege Familienangelegenheit ist. Wie erwähnt, löst beispielsweise Schweden das ganz anders und es funktioniert.


Neueste Kommentare