Rücken am Limit? Warum Kinästhetik für Pflegende Angehörige so wichtig wäre
Wer kennt es nicht? Ein Sturz, der Patient liegt am Boden – und die eigene Kraft reicht einfach nicht aus, um ihn wieder hochzuheben. Kaum ein Pflegender Angehöriger weiß, dass es bestimmte Griffe gibt, mit denen man Patienten auch alleine wieder auf einen Stuhl oder Rollstuhl ziehen kann.
Ich habe selbst jahrelang als Angehörige gepflegt und weiß: Es gibt zig Situationen, da heißt es schnell reagieren und nicht überlegen, wie und wo man sich rückenschonend bewegt.
Zweitens ist der ganz normale Pflegealltag einfach eine Dauerbelastung. Das ständige Bücken übers Bett, Waschen, Rasieren und Frisieren von Patienten mit Rollstuhl, der Transfer von Bett zu Rollstuhl etc.
Und tatsächlich haben schwache, alte Menschen oder solche, die von schlimmen Krankheiten abgemagert sind, doch so viel Eigengewicht, dass man mit normalen Griffen nicht weiterkommt, ohne seine Rückengesundheit zu gefährden.
Die typische Pflegerfigur: massig, kräftig und schwer als Gegengewicht

Ruhe bewahren nach einem Sturz und mit den richtigen Griffen die Patienten wieder aufrichten.
Übrigens ist es kein „Zufall“, wenn Pfleger:innen oft unverhältnismäßig viel Körpergewicht haben, kräftiger und dicker sind, als es zum Alter und der Statur passt – denn sie brauchen die Masse als Gegengewicht.
Ich habe in den verschiedenen Pflegeheimen sehr viele Pfleger:innen gesehen, die als ungesund übergewichtig gelten und die aber nicht einfach nur „zu dick“ waren, sondern kräftig-massig. Es war richtig auffällig, dass sich eine sogenannte „Pflegefigur“ entwickelt.
Und ich finde, das ist auch ein Thema für die Öffentlichkeit, nämlich dass die Pflege auch junge Menschen so überlastet, dass sie ein für sie untypisches Gewicht entwickeln, das der eigenen Gesundheit eher schadet als nutzt, auch wenn das Gewicht die Pflegegriffe erleichtert.
Kinästhetik arbeitet mit der Schwerkraft statt dagegen
Einen richtigen Aha-Effekt hatte ich, als eine befreundete Krankenschwester mir eine kinästhetischen Griff zum Aufheben gestürzter Patienten zeigte.
Die Kinästhetik arbeitet mit der Schwerkraft und macht sich diese zunutze und zwar die Schwerkraft beider Körper. Das Gewicht des Gestürzten wird nach vorne verlagert und mit einem Griff am Hosenbund kann er viel leichter emporgezogen werden als mit anderen Methoden. Allerdings muss man solche Griffe richtig intensiv üben.
Und: Man kann sie nicht bei jedem Patienten anwenden, je nach Verletzung, Gebrechlichkeit und Beschwerden ist das nicht möglich. In unserem Falle ließ sich der Griff dann leider auch nicht anwenden und zwar, weil der Patient dafür noch die Beine im Sitzen am Boden aufstellen können muss und dies ging bei unserem Patienten nicht mehr, da er einen Tremor hatte und ins Zittern kam.
Die Kinästhetik kennt vieler solcher Griffe, die in der Pflege Gold wert sind. Nicht nur fürs Aufheben nach Stürzen, auch für das Wenden im Bett, für den Transfer, das Bettlaken richten und vieles mehr.
In einem kurzen Crashkurs im Krankenhaus konnte man als Pflegender Angehörige wenigstens ein paar dieser Griffe lernen, allerdings reichte dieses Wissen oft nicht für den speziellen Fall zuhause aus. Es sind allgemeine Techniken und Griffe, die gut und nützlich sind, aber individuell angepasst werden müssten.
Leider bringt aktuell niemand Pflegenden Angehörigen diese Griffe zuhause, direkt am Patienten bei! Wir pflegen mit zu viel Kraftaufwand und zu wenig Technik.
Und: Nein auch in der Pflegeberatung fühlt man sich allgemein nicht verpflichtet die Pflegenden Angehörigen in diesem Punkt anzuleiten. Das ist eher eine theoretische Beratung, in der alle möglichen Punkte im Formular besprochen und abgehakt werden muss – am Ende geht es nur um die Frage „Kann die Person die Pflege schaffen, oder nicht?“
Von Natur aus bewegt man sich nicht kinästhetisch
Es ist auch schlichtweg nicht möglich, diese Griffe anzuwenden, wenn man sie nicht gelernt hat. Von Natur aus bewegen wir uns komplett anders. Einen Menschen hochzuziehen ist nicht das Gleiche wie einen Wasserkasten korrekt zu heben.
Und es ist einfach meist unmöglich alleine, mit normalen Methoden einen gestürzten, nicht mehr fitten Menschen wieder auf einen Stuhl etc. zu hieven. Zumindest ist es unmöglich, sich dabei nicht den Rücken zu verzerren und falsche Bewegungen zu machen.
Es kommt hinzu, dass diese Situation sehr stressbelastet ist. Die Person hat sich vielleicht weh getan, verletzt, ist voller Schrecken und Angst – und man selbst auch. Instinktiv will man sie sofort wieder hochziehen, damit der Schrecken vorbei ist. Dadurch agiert man aber auch zu schnell und unüberlegt – man muss erst lernen, in solchen Situationen Ruhe zu bewahren und sich bestimmte Methoden anzueignen.
Da uns leider der kinästhetische Griff nicht half, weil die Beine des Patienten keinen Halt bieten konnten, behalfen wir uns auch mit einem Trick (und Tricks sollte man sich in der Pflege immer überlegen…). Wir nahmen einen Badewannenlifter, stellten den auf den Boden neben den Patienten und zogen ihn (geht auch mit einem Gleittuch) auf den Sitz, dann konnte er in Sitzhöhe hochgefahren und somit auf den Rollstuhl transferiert werden.
Was ist Kinästhetik in der Pflege überhaupt?
Kinästhetik ist eigentlich die Kunst, die natürliche Bewegung des Körpers zu nutzen, statt gegen sie zu arbeiten.
Anstatt einen Menschen wie einen schweren Gegenstand zu „wuchten“, lernt man, die Gewichtsverlagerung so zu steuern, dass der Patient seine eigenen Ressourcen nutzt – egal wie schwach er ist. Es ist ein gemeinsamer Fluss statt ein einsamer Kraftakt.
Wir brauchen Schulungen im Wohnzimmer!
Es reicht nicht, dass dieses Wissen hinter Krankenhausmauern bleibt. Wenn wir wollen, dass häusliche Pflege nicht im Burnout oder Bandscheibenvorfall endet, müssen wir umdenken:
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Kinästheitik als Pflichtfach für Angehörige: Wer zu Hause pflegt, braucht nicht nur Theorie über Pflegegrade, sondern handfeste Griffe.
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Schulung vor Ort: Wir brauchen Experten, die nach Hause kommen. Jeder Patient ist anders, jede Wohnung ist anders. Ein Training am eigenen Bett oder auf dem eigenen Teppich ist tausendmal mehr wert als ein Flyer vom Pflegedienst.
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Finanzierung durch die Kassen: Es gibt die Pflegeberatung nach § 45 SGB XI – warum ist das kinästhetisches Training dort nicht viel prominenter verankert? Es ist eine Investition, die sich auszahlt: Wer seinen Rücken schont, kann länger zu Hause pflegen.
Weniger Kraft, mehr Technik, mehr Würde
Kinästhetik in der Pflege ist auch kein Katalog fester Handgriffe, sondern ein Bewegungskonzept.
Im Kern geht es darum, Bewegungen anzubahnen statt Menschen zu heben. Pflegende lernen, Drehungen, Gewichtsverlagerungen und natürliche Bewegungsachsen zu nutzen – beim Pflegebedürftigen genauso wie bei sich selbst.
Typische Anwendungsbeispiele sind:
- Vom Boden aufstehen nach einem Sturz
Hier arbeitet Kinästhetik nicht mit „Hochziehen“, sondern mit dem schrittweisen Aufrichten über die Seite. Der Körper wird über Drehbewegungen in eine stabilere Position gebracht, oft zunächst in den Vierfüßlerstand oder an ein Möbelstück heran. Der Pflegebedürftige beteiligt sich – so weit es möglich ist – aktiv an der Bewegung. Das entlastet den Rücken enorm und gibt dem Betroffenen ein Gefühl von Kontrolle. - Umsetzen vom Bett in den Rollstuhl
Statt jemanden frontal hochzuheben, wird die Bewegung über das Verlagern des Gewichts vorbereitet. Das Sitzen an der Bettkante, das Mitdrehen des Oberkörpers und das bewusste Platzieren der Füße spielen eine zentrale Rolle. Pflegende begleiten die Bewegung, anstatt sie zu erzwingen. Das Ergebnis wirkt oft ruhiger, sicherer – und deutlich kraftsparender. - Wenden und Lagern im Bett
Gerade hier machen kleine Veränderungen einen großen Unterschied. Kinästhetik nutzt die natürliche Rotation der Wirbelsäule: Ein Arm oder ein Bein wird gezielt bewegt, der Körper folgt dieser Drehung fast automatisch. Statt Ziehen am Oberkörper entsteht eine fließende Bewegung, die sowohl Druckstellen vorbeugt als auch die Pflege für beide Seiten angenehmer macht. - Aufrichten im Bett oder vom Liegen zum Sitzen
Auch hier gilt: nicht hochziehen, sondern über die Seite kommen. Durch das Abstützen, Mitdrehen und das bewusste Verlagern des eigenen Körpergewichts wird das Aufsetzen deutlich leichter – selbst bei stark eingeschränkten Menschen.
Wie lernen Pflegekräfte Kinästhetik – und was gibt es für Weiterbildungen?
In der generalistischen Pflegeausbildung gehört Kinästhetik oft zum Lehrplan. An Berufsfachschulen für Pflege gehört ein Kinästhetik-Grundkurs mittlerweile häufig dazu, weil es dort darum geht, Bewegungsunterstützung und rückenschonende Techniken von Anfang an zu lernen. Dabei geht es weniger um einzelne „Tricks“, sondern um ein Bewusstsein für Bewegung und Interaktion in der Pflege.
Allerdings ist das kein einheitlicher Standard in allen Schulen und Einrichtungen. Je nach Träger und Lehrplan kann der Umfang variieren. Viele Azubis berichten, dass sie in der Praxis mehr lernen als in der Schule – und dass theoretische Inhalte teils nicht so angewendet werden, wie erwartet.
Weiterbildungskurse für Kinästhetik
Präsenz- und Vertiefungskurse
Es gibt eine ganze Reihe von Fort- und Weiterbildungen, die speziell auf Kinästhetik in der Pflege ausgerichtet sind. Dazu gehören:
- Grundkurse Kinästhetik in der Pflege – diese vermitteln die Basics: Bewegungswahrnehmung, Einsatz der eigenen Körpermechanik, ressourcenschonendes Arbeiten. (akademie-gs.de)
- Aufbau- und Vertiefungskurse, wenn man nach dem Grundkurs weitergehen will. (kinaesthetics.net)
- Workshops und Tagesseminare, die einzelne Aspekte wie Mobilisation, Übergänge oder Alltagsbewegungen fokussieren. (weiterbildung-mv.de)
- Kurse speziell für pflegende Angehörige – nicht nur für Profis. (kinaesthetics.de)
Institutionen, die solche Weiterbildungen anbieten, sind z. B. Fort- und Weiterbildungsakademien für Pflege, kirchliche Pflegeakademien oder spezialisierte Anbieter wie VIV-ARTE Kinästhetik-Plus. (xn--kinsthetik-plus-2kb.de)
Viele dieser Kurse schließen mit einer Teilnahmebestätigung oder einem Zertifikat ab, das auch als Fortbildungspunkt für berufliche Anerkennungen genutzt werden kann. (heimerer.de)
Wer die Möglichkeit hat, von erfahrenen Krankenschwestern und Pflegern einzelne Grifftechniken zu lernen, sollte das unbedingt nutzen!


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