Neue Studie: Pflege belastet Arbeitsmarkt

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung (in Zusammenarbeit mit der Prognos AG) bringt schwarz auf weiß auf den Punkt, was Millionen Menschen im Alltag spüren: Die informelle Pflege belastet nicht nur die Betroffenen selbst, sondern hinterlässt riesige Lücken auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

Die Zahlen sprechen Klartext: Pflege fordert ihren Preis

Bereits heute pflegen etwa 8,7 % der Menschen im Erwerbsalter (rund 4,6 Millionen Personen) Angehörige. Das bedeutet:
  • 184.000 Vollzeitstellen fehlen: Schon jetzt gehen dem Arbeitsmarkt rechnerisch fast zweihunderttausend Vollzeitkräfte verloren, weil Pflegende ihre Stunden reduzieren oder ganz aus dem Beruf aussteigen müssen.
  • Prognose 2045: Wenn die Rahmenbedingungen so bleiben wie bisher, wird der Verlust bis 2045 auf 229.000 Vollzeitäquivalente steigen.
  • Jeder Siebte betroffen: Bis 2045 wird voraussichtlich knapp jede siebte Person im Erwerbsalter informelle Pflege leisten.
Das zeigt deutlich: Die gesellschaftliche Pflegeleistung stützt zwar unser Gesundheitssystem, geht aber ohne ausreichende Entlastung direkt zu Lasten des Arbeitsmarktes und der eigenen Alterssicherung.

Der Gender-Pflege-Gap: Frauen tragen weiterhin die Hauptlast

Besonders prägnant beleuchtet die Studie die Ungleichverteilung zwischen den Geschlechtern:
  • 63 % der pflegenden Angehörigen sind Frauen.
  • Sie investieren pro Woche im Schnitt 6 Stunden mehr Zeit in die Pflege als pflegende Männer.
  • Frauen wählen häufig die schleichende Teilzeitfalle: Sie reduzieren ihre Arbeitszeit Schritt für Schritt – mit spürbaren Folgen für das eigene Einkommen und die spätere Rente.
Bis zum Jahr 2045 könnten rund 580.000 Frauen von Einschränkungen im Beruf betroffen sein. Sie machen damit drei Viertel des gesamten erwerbsbedingten Ausfalls aus.

Was muss sich ändern? Forderungen an Politik und Arbeitgeber

Die Studie macht klar: Es bringt nichts, Pflege und Beruf als reine Privat- oder Erziehungssache abzutun. Und wie wir Betroffenen alle wissen: Das war jetzt sehr lange Usus! Von Politikern, Gesellschaft und dem eigenen persönlichen Umfeld. Wer einen pflegebdürftigen Menschen in der Familie hat, hat irgendwie Pech, ist selbst schuld. Wer den Beruf hintenanstellt, ist halt nicht so gefragt. Pflege als etwas für Leute, die beruflich nicht so gefragt sind – das ist leider die Meinung vieler Menschen immer noch. Die Wahrheit ist: Es geben auch Familienangehörige mit gut bezahlten Jobs einen Teil ihrer Arbeit und des Geldes aus um sich zu kümmern.
Aber: um pflegenden Angehörigen echte Perspektiven zu bieten, braucht es konkrete Schritte:

1. Finanzielle Absicherung und Familienpflegegeld

Ähnlich wie beim Elterngeld fordert die Studie den Ausbau finanzielle Lohnersatzleistungen (wie ein Familienpflegegeld), damit die Pflegezeit nicht direkt in die Armutsfalle führt.

2. Ausbau unbürokratischer Entlastung

Tages-, Nacht- und Kurzzeitpflegeplätze sind vielerorts Mangelware oder schwer zugänglich. Ein vereinfachter Zugang und verlässliche Angebote sind essenziell, um Angehörigen Atempausen zu verschaffen.

3. Vereinbarkeit im Betrieb leben

Arbeitgeber sind gefordert, Pflege nicht mehr als Tabuthema zu behandeln. Flexible Arbeitszeiten, Verständnis für spontane Notfälle und strukturierte Programme für den Wiedereinstieg nach Intensivpflegephasen sichern Unternehmen wertvolle Fachkräfte.

Pflegende Angehörige brauchen Rückenwind von Staat und Gesellschaft, keine Überlastung

Pflegende Angehörige leisten den größten Pflegedienst der Nation. Es darf nicht länger sein, dass dieser Einsatz mit beruflicher Nachteilingung, Dauerstress und finanzieller Unsicherheit bezahlt wird. Die Bertelsmann-Studie ist ein deutlicher Weckruf: Wenn wir den Arbeitsmarkt stabilisieren wollen, müssen wir diejenigen stärken, die täglich Pflegeverantwortung übernehmen.

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