Welche modernen Arten von Hörgeräten gibt es?

Wer heute ein Hörgerät braucht, hat deutlich mehr Möglichkeiten als noch vor einigen Jahren. Moderne Hörgeräte sind kleine, leistungsfähige Computersysteme, die sich an unterschiedliche Hörsituationen anpassen können. Sie können Stimmen gezielt hervorheben, störende Geräusche reduzieren und sich teilweise direkt mit Smartphone, Fernseher oder anderen Geräten verbinden.

Doch welches Hörgerät ist das richtige? Die Auswahl beginnt zunächst bei der Bauform. Dabei spielen nicht nur persönliche Vorlieben eine Rolle. Entscheidend sind unter anderem der Grad des Hörverlusts, die Beschaffenheit des Ohres, die Geschicklichkeit beim Bedienen und die individuellen Anforderungen im Alltag.

Zunächst mal gilt es natürlich festzustellen, welche Art von Schwerhörigkeit vorliegt.

Hörgeräte sind heute kleine Hightech-Systeme

Früher bestand die Hauptaufgabe eines Hörgerätes vor allem darin, Töne zu verstärken. Moderne digitale Hörsysteme können wesentlich mehr. Sie analysieren die akustische Umgebung und können ihre Einstellungen automatisch an unterschiedliche Situationen anpassen.

Das kann beispielsweise bedeuten: Im ruhigen Wohnzimmer wird anders gearbeitet als im Restaurant, auf der Straße oder bei einem Gespräch mit mehreren Personen.

Welche Funktionen tatsächlich sinnvoll sind, hängt allerdings vom jeweiligen Hörverlust und vom persönlichen Alltag ab. Nicht jedes zusätzliche technische Feature ist automatisch ein Vorteil.

Grundsätzlich unterscheidet man heute vor allem zwischen Hörgeräten hinter dem Ohr (HdO) und Hörgeräten im Ohr (IdO). Innerhalb dieser Gruppen gibt es wiederum verschiedene Varianten.

Welche modernen Arten von Hörgeräten gibt es?

1. Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte (HdO)

Hinter-dem-Ohr-Geräte gehören nach wie vor zu den am häufigsten verwendeten Hörsystemen. Die eigentliche Technik befindet sich in einem kleinen Gehäuse hinter der Ohrmuschel.

Der Schall gelangt anschließend über einen Schlauch oder – bei moderneren Varianten – über eine dünne Verbindung beziehungsweise einen Hörer ins Ohr.

Ein großer Vorteil dieser Bauform: Im Gehäuse ist vergleichsweise viel Platz für leistungsfähige Technik, Akkus und zusätzliche Funktionen. Deshalb können HdO-Geräte auch bei stärkerem Hörverlust eingesetzt werden.

Für wen eignen sich HdO-Geräte?

Sie können für Menschen mit unterschiedlichen Schweregraden eines Hörverlusts infrage kommen. Auch bei Menschen, denen besonders kleine Geräte schwerfallen, können sie praktisch sein, weil sich das Gerät außerhalb des Gehörgangs befindet und entsprechend größer ausfallen kann.

Für Senioren kommen nicht unbedingt alle Arten von Hörgeräten in Frage: Hier muss das Gerät dem jeweiligen Gesundheitszustand angepasst werden. Lies hier, welche aktuell die besten Hörgeräte für Senioren sind.

2. RIC- und RITE-Hörgeräte – klein hinter dem Ohr, Hörer im Ohr

Eine besonders verbreitete moderne Variante der Hinter-dem-Ohr-Geräte sind RIC- beziehungsweise RITE-Hörsysteme.

RIC steht für „Receiver in Canal“, RITE für „Receiver in the Ear“. Der entscheidende Unterschied zum klassischen HdO-Gerät: Der Lautsprecher beziehungsweise Hörer sitzt nicht im Gehäuse hinter dem Ohr, sondern direkt im Gehörgang.

Dadurch kann das Gehäuse hinter dem Ohr besonders klein gestaltet werden. Zwischen Gehäuse und Hörer verläuft lediglich ein sehr dünnes Kabel.

Diese Geräte sind deshalb häufig besonders unauffällig. Gleichzeitig bleibt der Gehörgang bei bestimmten Ausführungen relativ offen, was von vielen Trägern als angenehm und natürlicher empfunden wird.

3. Mini-Hörgeräte und Open-Fit-Hörgeräte

Noch unauffälliger können sogenannte Mini-Hörgeräte beziehungsweise Open-Fit-Systeme sein.

Bei der offenen Versorgung wird der Gehörgang nicht vollständig verschlossen. Das kann insbesondere bei leichteren Hörverlusten angenehm sein. Die eigene Stimme kann dadurch natürlicher wahrgenommen werden und das Gefühl eines „verstopften“ Ohres kann geringer ausfallen.

Diese Bauform ist allerdings nicht für jeden Hörverlust geeignet. Auch hier entscheidet letztlich das individuelle Hörprofil.

4. Im-Ohr-Hörgeräte (IdO)

Bei Im-Ohr-Hörgeräten befindet sich die Technik direkt im Ohr. Das gesamte Gerät wird individuell an die Form der Ohrmuschel beziehungsweise des Gehörgangs angepasst.

Der große Vorteil liegt auf der Hand: Von außen ist ein solches Hörsystem häufig weniger auffällig als ein klassisches Gerät hinter dem Ohr.

Im-Ohr-Geräte gibt es in unterschiedlichen Größen. Manche sitzen teilweise in der Ohrmuschel, andere werden so klein gefertigt, dass sie nahezu vollständig im Gehörgang verschwinden.

Allerdings bedeutet „kleiner“ nicht automatisch „besser“. Je kleiner das Gerät ist, desto weniger Platz steht beispielsweise für Akku, Batterie, Bedienelemente oder bestimmte Zusatzfunktionen zur Verfügung.

5. CIC-Hörgeräte – nahezu unsichtbar im Gehörgang

Besonders kleine Im-Ohr-Geräte werden als CIC-Hörgeräte bezeichnet. CIC steht für „Completely in Canal“ – also „vollständig im Gehörgang“.

Sie sitzen tief im Gehörgang und sind von außen teilweise kaum zu erkennen.

Das klingt zunächst ideal für alle, die ihr Hörgerät möglichst unsichtbar tragen möchten. Allerdings haben die kleinen Abmessungen auch Nachteile: Die Bedienung kann schwieriger sein und für sehr leistungsfähige Technik ist weniger Platz vorhanden. CIC-Systeme sind deshalb nicht für jeden Hörverlust geeignet.

6. Akku statt Batterie

Eine wichtige Entwicklung bei modernen Hörgeräten betrifft nicht die Bauform, sondern die Energieversorgung.

Viele aktuelle Hörsysteme werden wiederaufladbar angeboten. Statt regelmäßig kleine Batterien auszutauschen, wird das Hörgerät abends in eine Ladestation gelegt.

Das kann vor allem für Menschen mit eingeschränkter Fingerfertigkeit eine Erleichterung sein. Außerdem entfällt der regelmäßige Kauf und Wechsel von Hörgerätebatterien.

Allerdings sind wiederaufladbare Systeme nicht für jeden automatisch die beste Lösung. Wer beispielsweise viel unterwegs ist, sollte sich überlegen, wie wichtig eine lange Akkulaufzeit und eine unkomplizierte Lademöglichkeit sind.

7. Hörgeräte mit Bluetooth und Smartphone-Verbindung

Moderne Hörgeräte können inzwischen weit mehr als nur Umgebungsgeräusche verstärken. Viele Modelle lassen sich mit einem Smartphone verbinden.

Je nach Gerät können beispielsweise:

  • Telefonate direkt über das Hörsystem übertragen werden,
  • Musik oder Podcasts gestreamt werden,
  • Lautstärke und Hörprogramme über eine App verändert werden,
  • bestimmte Einstellungen individuell angepasst werden.

Das Hörgerät wird damit gewissermaßen zu einem kleinen persönlichen Audiogerät.

Besonders praktisch kann die Verbindung beim Telefonieren sein: Das Smartphone muss dann nicht unbedingt direkt ans Ohr gehalten werden.

8. Hörgeräte mit automatischer Geräuscherkennung

Eine der interessanteren Entwicklungen moderner Hörgeräte ist die automatische Anpassung an unterschiedliche Hörsituationen.

Ein Gerät kann beispielsweise erkennen, ob sich der Träger gerade in einer ruhigen Umgebung, in einem Gespräch oder in einer lauteren Umgebung befindet. Die Signalverarbeitung wird entsprechend angepasst.

Moderne Hörsysteme können dabei unter anderem versuchen, Sprache gegenüber bestimmten Hintergrundgeräuschen hervorzuheben.

Das ist besonders interessant für Situationen, die Menschen mit Hörverlust häufig als schwierig empfinden: Restaurantbesuche, Familienfeiern oder Gespräche in größeren Gruppen.

Dabei sollte man allerdings keine Wunder erwarten. Auch ein modernes Hörgerät kann ein akustisch schwieriges Umfeld nicht vollständig „wegzaubern“.

9. Hörgeräte mit Sprachfokus

Eine zentrale Herausforderung bei einer Hörminderung ist häufig gar nicht das Hören an sich, sondern das Verstehen von Sprache.

Gerade wenn mehrere Menschen gleichzeitig sprechen oder Hintergrundgeräusche vorhanden sind, kann es schwierig werden, die Stimme des Gesprächspartners herauszufiltern.

Moderne Hörsysteme verfügen deshalb über verschiedene Verfahren zur Signalverarbeitung, die Sprache gegenüber bestimmten Störgeräuschen stärker hervorheben können.

Wie gut das im Einzelfall funktioniert, hängt allerdings von verschiedenen Faktoren ab – unter anderem vom Hörverlust, der Hörsituation und der individuellen Anpassung des Gerätes.

10. Hörgeräte mit Fernanpassung

Bei einigen modernen Hörsystemen können Einstellungen auch über eine App oder per Fernanpassung verändert werden.

Das bedeutet nicht, dass der persönliche Termin beim Hörakustiker grundsätzlich überflüssig wird. Gerade die erste Anpassung und die regelmäßige Kontrolle bleiben wichtig.

Die Möglichkeit zur Fernanpassung kann jedoch praktisch sein, wenn eine kleine Veränderung der Einstellungen notwendig ist und nicht jedes Mal ein Besuch im Fachgeschäft erforderlich sein soll.

11. Hörgeräte für besondere Hörsituationen

Nicht jeder Hörverlust lässt sich mit einem gewöhnlichen Hörgerät optimal versorgen.

Es gibt deshalb auch spezielle Hörsysteme für bestimmte Situationen. Dazu gehören beispielsweise Systeme für Menschen mit einseitigem Hörverlust oder bestimmten Problemen des Mittelohres.

Eine besondere Gruppe sind knochenverankerte Hörsysteme. Sie übertragen Schall nicht auf dem üblichen Weg durch den Gehörgang und das Mittelohr, sondern über Schwingungen des Schädelknochens in Richtung Innenohr. Solche Systeme kommen nur für bestimmte medizinische Situationen infrage.

Sie sind daher nicht einfach eine weitere Variante des klassischen Hörgerätes, sondern eine spezielle Versorgung.

12. Was ist mit Hörgeräten aus dem Internet?

Mittlerweile gibt es auch direkt online erhältliche Hörhilfen und sogenannte OTC-Hörgeräte („Over the Counter“). Hier ist allerdings Vorsicht bei der Begriffsverwendung angebracht.

In den USA gibt es seit 2022 eine eigene OTC-Kategorie für Erwachsene mit wahrgenommenem leichtem bis mittlerem Hörverlust. Diese Regelung lässt sich jedoch nicht einfach auf Deutschland übertragen.

Wer in Deutschland ein Hörgerät benötigt, sollte deshalb nicht allein nach Preis oder möglichst unauffälliger Bauform entscheiden. Eine professionelle Hörmessung und individuelle Anpassung können einen entscheidenden Unterschied für den späteren Hörerfolg machen.

Welches moderne Hörgerät ist das beste?

Die kurze Antwort lautet: Das hängt vom Menschen und nicht nur von der Technik ab.

Ein winziges Im-Ohr-Gerät kann für den einen ideal sein, während ein leistungsfähiges RIC- oder HdO-System für einen anderen deutlich besser geeignet ist.

Bei der Auswahl spielen unter anderem folgende Fragen eine Rolle:

  • Wie stark ist der Hörverlust?
  • Betrifft er ein oder beide Ohren?
  • Wie groß ist der Gehörgang?
  • Wie geschickt ist man beim Einsetzen und Herausnehmen?
  • Wird das Hörgerät viele Stunden täglich getragen?
  • Wird häufig telefoniert?
  • Soll Musik über das Hörgerät gehört werden?
  • Ist eine Smartphone-Steuerung wichtig?
  • Wird eine wiederaufladbare Variante gewünscht?
  • Wie wichtig ist eine möglichst kleine und unauffällige Bauform?
  • In welchen Situationen bereitet das Hören die größten Probleme?

Auch die Bundesinnung der Hörakustiker empfiehlt, verschiedene Hörsysteme auszuprobieren, weil das persönliche Hörempfinden sehr unterschiedlich ist.

Übrigens: Sie können alte Hörgeräte auch gerne spenden, andere Schwerhörige freuen sich vielleicht über Ihr Gerät.

Moderne Technik ist kein Selbstzweck

Bei Hörgeräten kann die Versuchung groß sein, sich vom Datenblatt beeindrucken zu lassen: Bluetooth, App, künstliche Intelligenz, automatische Programme, Akku, Geräuschunterdrückung und immer kleinere Bauformen.

Doch ein Hörgerät ist kein Smartphone.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Welches Gerät hat die meisten Funktionen?

Sondern: Mit welchem Hörsystem kann ich im Alltag tatsächlich besser verstehen und mich wohler fühlen?

Ein einfacheres Hörgerät, das gut angepasst ist und regelmäßig getragen wird, kann deshalb sinnvoller sein als ein technisch besonders aufwendiges Modell, dessen Funktionen kaum genutzt werden.

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